Ein künstlerischer Anarchist Dr. M. Liebel über meine Bilder

Laudatio zur Galerieeröffnung Sigi Hirsch am Samstag, den 10. Mai 2008

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,

wer kennt ihn nicht: Siggi Hirsch, den Aktionisten, den Macher, den Spontankünstler in nahezu sämtlichen Disziplinen. Seit Sigi Hirsch hier in Bamberg lebt und arbeitet, hat er für einiges Aufsehen gesorgt - sei es als Schriftsteller, als Kabarettist, als Eventmanager oder als bildender Künstler. Von heute an kommt er auch noch als Galerist daher, und wir dürfen schon sehr gespannt darauf sein, was ihm - in diesem Rahmen und andernorts gleichermaßen - noch alles so einfällt.

Bei dem Wort "Galerist" rümpft Sigi Hirsch skeptisch die Nase. "Das klingt viel zu etabliert", sagt er, "viel zu eingefahren". Nein, eine Galerie im klassischen Sinn ist das hier nicht und soll es auch gar nicht sein. Eine Ideenwerkstatt vielmehr, ein Kreativladen, in dem jeder willkommen ist, der das Ausgefallene sucht, das Außergewöhnliche, das Besondere. Hemdsärmligkeit gehört dabei ebenso dazu wie Spontaneität; Spott, Ironie und Witz ebenso wie Ernsthaftigkeit und das Bedürfnis, mit seinen eigenen Ideen und seinen eigenen Interessen ein klein wenig dazu beizutragen, die Welt zu verändern: sie besser zu machen, schöner, bunter, angenehmer. Das hat nichts mit Spaßgesellschaft zu tun oder mit einem babylonischen Tanz auf dem Vulkan, sondern eher mit dem Agitprop der 68er und mit der Ernsthaftigkeit jener Freigeister, denen Selbstbestimmtheit, Reflexion und die freie Entfaltung des Geistes die höchsten Güter auf Erden sind.

Der ungebrochene Wille nach freier Entfaltung der Persönlichkeit charakterisiert nicht nur den Menschen Siggi Hirsch, sondern kommt auch in seinen Bildern zum Ausdruck. "Ich hab so Sehnsucht..." nennt er seine Ausstellung, und kleidet dabei seinen Wunsch nach Kunst und Kreativität, seine Leidenschaft für alles Unmittelbare und Expressive in ein begriffliches Gewand. Vieles geschieht spontan in seinen Arbeiten, doch Vieles ist auch wohl überlegt und die Folge tiefgreifender intellektueller Auseinandersetzungen mit dem gewählten Thema.

Zur bildenden Kunst kam Sigi Hirsch, der gelernte Verlagskaufmann, den es nach seinen beruflichen Stationen in Berlin, Hamburg und Coburg schließlich hierher nach Bamberg verschlagen hat, erst relativ spät: vor etwa 20 Jahren, wobei er sich eine gestalterische Nische wählte, die zwischen Malerei und Zeichnung changiert. Die Werkstoffe, für die sich Sigi Hirsch entschieden hat, sind Öl- und Pastellkreiden, Wasserfarben mitunter, Temperafarben seit einiger Zeit, mit denen er überwiegend auf Papier, auf Pappe oder auf Karton arbeitet. Alleine schon diese Arbeitsmaterialien machen deutlich, daß es dem Künstler um ein rasches Arbeiten geht, um die zügige gestalterische Umsetzung spontaner Bildideen, die im skizzenhaften Zeichenstil ungebremst und ohne Umschweife auf die Bildfläche gebracht werden.

Ein so unmittelbares, augenblicksgeleitetes Arbeiten läßt keine Korrekturen zu. Jeder Strich, jeder Krakel, jede noch so plötzliche Bewegung des Pinsels oder Stifes muß von Anfang an "sitzen". Aufs Bild geratene "Verzeichnungen" werden als Pentimenti absichtlich stehen gelassen und sind der sichtbare Ausdruck jener gestalterischen Unmittelbarkeit, mit der der Künstler seine Bildwerke schafft. Nicht selten gräbt Sigi Hirsch seine Zeichnungen druckstark und farbintensiv auf zart getönte Papiere. Auf diese Weise entsteht ein gravierendes Spannungsverhältnis zwischen sfumatös verriebenen, in mehreren Schichten aufgetragenen Farbnebeln und der temperamentvoll darüber gesetzten Bleistift- oder Kreidezeichnung, die ihrerseits von einem starken expressiven Ausdruck ist.

Blumen sind es meist, die Sigi Hirsch auf seinen Bildern wiedergibt: in stakkatohafte Kürzel gefaßte Blütenkelche und Stiele, die sich in abstrakte Strukturen gliedern, sich bald zu floralen Ornamenten verdichten oder - gerade umgekehrt - das Blumenmotiv in einen autonomen Zeichenrhythmus auflösen. In diesem Sinne teilt sich das Œuvre von Sigi Hirsch in zwei vermeintlich disparate Bildformen: Zum einen in das gestalterische Re-Konstruieren eines allseits vertrauten Bildgegenstandes, zum anderen in die gestalterische De-Konstruktion der sichtbaren Wirklichkeit. In beiden Fällen geht es dem Künstler nicht um das Verhältnis zwischen dem realweltlich Geschauten und dessen gestalterischer Umsetzung, sondern um den ästhetischen Eigenwert des Bildnerischen an sich. Bildwirklichkeit versteht Sigi Hirsch als autonomen gestalterischen Prozeß, der nicht die phänomenologische Erscheinung botanischer Sachverhalte reflektiert, sondern nach dem Prinzip der Zeichnung als "seismographische Entladung" innere Befindlichkeiten widerspiegelt. Daß dabei das Intuitive, das Irrationale und das Automatistische überwiegt, versteht sich in diesem Zusammenhang beinahe von selbst.

Tiefenpsychologische Schulen haben spontane Zeichnungen seit langem als individuellen Ausdruck der Persönlichkeit entdeckt. Wir alle haben uns schon dabei ertappt, in halb bewußtem Zustand und eigentlich auf ganz andere Dinge konzentriert - auf ein Telefongespräch beispielsweise oder auf einen Vortrag - solche automatistische Zeichnungen angefertigt zu haben. Der Unterschied zwischen den nicht-künstlerischen Hervorbringungen von uns Alltagsmenschen und den Bildschöpfungen eines professionellen Künstlers liegt in der Ritualisierung des Spontanen, in der Systematisierung der gestalterischen Mittel und in der Verfestigung ansonsten eher gelegentlich erprobter Verhaltensmuster zum methodisch verstetigten Arbeitsprinzip.

Es wirkt beinahe paradox, daß Sigi Hirsch mit seinem spontanen Aktionismus ein so harmloses, unverdächtiges und unverfängliches Bildmotiv wie das vereinzelt wiedergegebener oder zu Sträußen gebundener Blumen wählt. Sie sind dem Künstler motivischer Ausgangspunkt für autonom daran sich entzündende gestalterische Verselbständigungen und erfüllen eher die Funktion eines thematischen Auslösereizes als die einer dinglich verifizierten Objektivation. Das läßt uns an Georg Baselitz denken und an die postmoderne Auffassung vom Bildgegenstand als schierer Formgelegenheit, anhand derer ein Künstler die expressiven Qualitäten des Gestalterischen als eigenständigen Ausdruck zu entwickeln vermag.

 

Mit seinen Bildern wie mit seinem gesamten künstlerischen Schaffen überhaupt, mit seinen Liedern und Gedichten, seinen Parodien und Geschichten, erweist sich Sigi Hirsch als ein "Tänzer zwischen den Welten". "Erst in den Himmel, dann auf Papier" hat Sigi Hirsch einmal seine Arbeiten betitelt und dabei zugleich jener Sprunghaftigkeit begrifflichen Ausdruck verliehen, mit der er an sein künstlerisches Schaffen geht. Gestalterisch und inhaltlich setzt er dabei immer wieder an anderen Stellen an. Das spiegelt sich auch in den stilistischen Anleihen wieder, denen wir auf seinen Bildern verschiedentlich begegnen. Da gibt es etwa Hommagen an Wassily Kandinsky oder an die Scheibenbilder von Sonja Delaunay; Salvador Dalí schimmert auf einigen Arbeiten hindurch und die abstrakt-expressionistischen Zeichner Bernard Schultze und Cy Twombly, um nur einige zu nennen. Allerdings übt sich Sigi Hirsch auf seinen Darstellungen keineswegs in einer epigonenhaften Stiladaptation, vielmehr entwickelt er aus den Gestaltungsweisen renommierter Künstlerkollegen ganz eigenständige bildnerische Ansätze. Beinahe, so scheint mir, ist Sigi Hirsch so etwas wie ein künstlerischer Anarchist - und er ist es gerne, wie sich nicht nur auf seinen Zeichnungen und Gemälden zeigt, sondern auch in seinen literarischen Texten und in seinen Auftritten als Kabarettist.

 

Ich wünsche der Ausstellung einen guten Erfolg und Dir, lieber Sigi, bei Deiner Tätigkeit als Galerist eine glückliche Hand. Ich weiß, wie es ist, als Ausstellungsmacher gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber mit einem Sancho Pansa an Deiner Seite, hier in Gestalt Deiner Frau, die Dich, wie ich weiß, geduldig und engagiert unterstützt, wird es Dir sicher gelingen, die erhofften Erfolge zu erzielen und die "Sehnsucht", die Dich treibt, als kreativer Funke auf die Besucher Deiner Galerie überspringen zu lassen. Alles Gute. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Matthias Liebel, Bamberg

Kunsthistoriker