Lesen Sie was Michael Seufert (ehemaliger stellvertretender Chefredakteur beim STERN, über meinen NonsensKRIMI schreibt
Wer dieses Buch in die Hand nimmt, sollte sich zum Lesen in einen bequemen Sessel setzen, ein Glas kühlen Weins in Griffnähe, und auf keinen Fall vergessen, den Sicherheitsgurt anzulegen. Denn im neuen Krimi von Sigi Hirsch geht es drunter und drüber, der Autor fährt mit seinem Leser Achterbahn.
Eine Slapstick-Nummer auf 999 Seiten, die so gar nichts mit dem sonntäglichen Tatort oder dem Polizeiruf 110 zu tun hat, viel eher schon mit Monty Phyton. Man stelle sich vor: Die schwergewichtige Frau Ballermann geht in den Supermarkt, um Toilettenpapier zu kaufen, sie wird dabei von einem Einkaufswagen gerammt und von einem Kartoffelsack erschlagen. Ein klarer Fall von Mord, ein Fall für Kommissar Hans Wickelkraut, der morgens seinen Kaffee mit Strohrum im Verhältnis 2:1 in die Thermoskanne füllt, um die Mischung gemeinsam mit dem Chef der Spurensicherung, Dr. Erich Wickelmuss, genüsslich wegzupicheln. Man kann sich vorstellen, wie es danach am Tatort zugeht.
Sigi eigentlich Siegfried-Hermann Hirsch liebt den Aberwitz. Ich kenne ihn schon aus Bremen Ende der 60er-Jahre. Er lernte Verlagskaufmann bei Carl Schünemann, ich war Jungredakteur bei den Bremer Nachrichten. Damals war die Stadt an der Weser ein quirliges Zentrum der Jugendkultur. Die ersten Jugendproteste fanden hier statt. Die so genannten Straßenbahn-Unruhen, bei denen Schüler den Verkehr lahm legten und den Senat an den Rand des Rücktritts brachten, waren quasi der Auftakt zur 68er-Revolte. Das Theater am Gotheplatz unter Kurt Hübner war das beste in Deutschland, hier stand die Creme der jungen Schauspieler auf der Bühne, die später Stars wurden, wie Bruno Ganz, Edith Clever und Jutta Lampe. Die Aufführungen machten bundesweit Furore. Ständig gab es Streit mit der Politik. Und mitten drin Sigi Hirsch, der damals seine makabere Kulturzeitschrift TOTAL unters Volk brachte.
Anfang der 70er Jahre haben wir beide Bremen verlassen, beide Richtung Berlin. Ich ging zum Stern, er als Anzeigenmann zum Springer-Verlag. Lange hat er es dort nicht ausgehalten, wurde Geschäftsführer einer Werbeagentur und eines Verlages. Da hat er dann den Jerry Cotton-Autor Heinz-Werner Höber gemanagt. Die rasanten Fahrten von FBI-Agent Jerry Cotton und seines Kollgene Phil Decker im Jaguar-Sportwagen durch die Straßenschluchten von New York dies Tempo muss Sigi Hirsch bis heute nicht losgelassen haben. Sein Kommissar fährt zwar Fahrrad, aber wie.
Man mag es kaum glauben, Sigi Hirsch war fünf Jahre lang Verlagsleiter des Coburger Tagesblatts, danach renommierter Buchhändler und Antiquar. Er sieht noch heute mit präzise gescheiteltem Grauhaar und Krawatte wie der Vorstand eines DAX-Konzerns aus. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Die FAZ schrieb in einer Rezension seines Buches Ich hab so Sehnsucht nach Gewalt über seine Gedichte: Blutig und absurd geht es in ihnen zu, oft zudem alkoholisch heiter.
Nach diesem Lob musste er einfach so weiter machen. Sein Nonsens-Krimi ist grotesk, verrückt, vergnüglich, völlig abgefahren in einem Wort wundervoll.
Michael Seufert
Kommentare
Ich finde dieses Buch auch
Submitted by Friedrich (nicht überprüft) on 5. Oktober 2010 - 23:01.Ich finde dieses Buch auch sehr gut und kann Herrn Seufert nur zustimmen.